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Ende eines Albtraums: Nach schwierigen Jahren äußert sich EWE-Chef Dr. Werner Brinker zu aktuellen Problemen der Branche.
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„In größeren Zusammenhängen denken“

Text: Im Energy 2.0-Interview: Dr. Werner Brinker, Vorstandsvorsitzender der EWE Fotos: EWE
Als Kopf eines der größten Energieversorgungsunternehmen in Deutschland hat man es nicht immer leicht. Dr. Werner Brinker, Vorstandsvorsitzender bei EWE, kann davon ein Lied singen. Nachdem das Unternehmen wieder auf Kurs scheint, blickt er im Gespräch mit Energy 2.0 jetzt in Richtung Zukunft der Energie.

Herr Dr. Brinker, die vergangenen Monate waren bei EWE geprägt von Gaspreisrückzahlungen und negativen Jahresergebnissen. Geht für EWE jetzt eine schwierige Zeit zu Ende?

Dr. Werner Brinker: Ja, absolut. Wenn von außen so viele Einflüsse auf unser Geschäft einwirken, bei denen man kaum Möglichkeiten zum Gegensteuern hat, dann ist so eine Lage schon sehr schwierig.

Sie haben nach zwei Verlustjahren nun wieder positive Zahlen gemeldet. Findet die EWE jetzt wieder zurück zu alter Stärke?

Davon bin ich überzeugt, denn was uns jetzt an Herausforderungen bevorsteht, ist für uns nicht neu. Die Energiewende findet bei uns längst in der Fläche statt, wo wir leider wenig Einwohner und Verbrauchslast haben. Dieses Auseinanderdriften von Produktionskapazitäten auf der einen Seite und Verbrauchsschwerpunkten auf der anderen Seite ist ein Netzproblem, das wir lösen müssen. Das war uns seit vielen Jahren klar - wir arbeiten schon seit 15 Jahren an intelligenten Netzen.

Was kann ein großer Regionalversorger wie die EWE da bewirken?

Wir sind als EWE viel zu klein, um Märkte bestimmen zu können. Wir müssen also versuchen möglichst viele Leute und Firmen von der Idee zu überzeugen. Das geht nicht innerhalb von einem Jahr.

Dass die Energiewende ein Mammut-Projekt ist, wird heute immer deutlicher...

... denn jetzt wird auch in der öffentlichen Debatte herausgestellt, dass es nicht reicht, nur einen Teil des Systems zu ändern, denn dafür sind die Wechselwirkungen untereinander zu groß. Wir müssen in größeren Zusammenhängen denken. Zudem droht uns durch die Kostenentwicklung die Akzeptanz der Bevölkerung abhanden zu kommen.

Was raten Sie der Politik jetzt?

Kurzfristig - also zum Jahreswechsel 2014 - hilft nur eine Senkung der Stromsteuer. Denn es wird im Oktober wieder zu einer Ankündigung der Übertragungsnetzbetreiber kommen, dass wegen des Zubaus bei Solar und Wind eine Erhöhung der EEG-Zulage nötig ist. Die Stromsteuer beträgt 2,04 Cent pro Kilowattstunde, damit könnte man sehr wahrscheinlich eine mögliche Erhöhung der EEG-Umlage auffangen.

Wäre die Senkung der Stromsteuer nicht das falsche Signal im Hinblick auf das Stromsparen?

Die Diskussion um die Kosten wird meines Erachtens geführt, weil die Politik zu Recht befürchtet, dass die Akzeptanz der Bevölkerung für die Energiewende nachlässt. Der Grund ist, dass in der Regel die besser Verdienenden von der Energiewende profitieren, die anderen sie bezahlen - darunter sind viele sozial Schwache. Das ergibt ein Ungleichgewicht, da geht eine Schere auseinander und das könnte sozialen Sprengstoff bedeuten und passt nicht zu dem Versuch, mit steigenden Preisen die Leute zum Stromsparen animieren zu wollen. Wenn die Politik die sozial Schwachen nicht belasten will, kann es nicht Aufgabe der Energieversorger sein, das Problem zu lösen.

Ist das ein Offenbarungseid für die Energiewende?

Niemand kann Interesse daran haben, dass der deutsche Weg der Energiewende zurückgedreht wird. Da machen wir uns lächerlich und technologisch gibt es auch keinen Grund dafür, das zu tun. Wir haben nur das System nicht im Griff, insbesondere die Kosteneffizienz. Das ist das Problem, das gelöst werden muss.

Ist denn durch diese Kostendiskussion das Klima innovationsfeindlicher geworden?

Nicht unbedingt, aber wenn wir mit Kunden reden, heißt es natürlich, dass die Kosten reduziert werden müssen. Das gilt sowohl für unsere Industrie- als auch für die Haushaltskunden.

Wie attraktiv ist vor diesem Hintergrund das Thema Smart Home?

Wir sehen darin die Zukunft. Smart Home läuft bei uns unter den Stichworten Lebensqualität und Komfort. Die Frage ist, was der Kunde bereit ist, dafür zu bezahlen. Wenn wir es schaffen, mit intelligenten Systemen ein gewisses Lebensgefühl da reinzubringen, dann sind wir wieder im Geschäft. Denn eine Kilowattstunde Strom ist kein Produkt, nur der Verkauf einer reinen Kilowattstunde Strom ist kein Geschäftsmodell mehr. Den Strom aus den erneuerbaren Energien müssen wir in unsere Netze aufnehmen und irgendwie loswerden. Das bedeutet auch, dass wir uns als konventionelle Energieversorger völlig neu erfinden müssen.

Und was verkaufen Sie im Jahr 2030?

Als Nebenprodukt mit Sicherheit noch die Kilowattstunde Strom. Ob dann Erdgas im Wärmemarkt noch eine Rolle spielt, ist zu hinterfragen.

Also kein Gas mehr?

Der Erdgasverbrauch geht schon seit Jahren zurück. Wir haben in den letzten 30 Jahren einen Minderverbrauch pro Kunde im Durchschnitt von 50 Prozent: Von 40.000 kWh auf 20.000 kWh pro Jahr, und es geht weiter runter. Das ist wieder ein Problem der Energiewende: Alle reden von Strom, obwohl Strom nur einen kleinen Teil der Energiewende darstellt. Der Rest ist Wärmemarkt, Gebäudeeffizienz und Mobilität, darüber redet momentan kaum jemand. Obwohl dort die geringsten CO 2-Emissionsminderungskosten liegen.

Ist Power-to-Gas ist da ein kluger Schachzug?

Power-to-Gas ist eine Möglichkeit, die Erdgaswirtschaft in die Diskussion der Energiewende einzubringen. Den mit Hilfe von Strom erzeugten Wasserstoff kann man zu einem kleinen Prozentsatz ins Erdgasnetz einspeisen - das hängt im Wesentlichen von den nachgeschalteten Verbrauchseinrichtungen ab, also beispielsweise Gasherde, Autos oder Gasturbinen. Wenn man sich dann allerdings eine mögliche Methanisierung anschaut, ist die Frage, wo das dafür benötigte CO 2herkommt - etwa aus Kohle oder aus Biomasse. CO 2aus Kohlekraftwerke zu nehmen würde bedeuten, das CO 2-Emissionsminderungsziel nicht mehr zu erfüllen, weil das CO 2ja nur zeitlich versetzt freigesetzt wird. Für den Klimaschutz bringt das gar nichts. Also muss man CO 2aus Biomasse nehmen.

Das Argument würde auch CO 2 aus industrieller Produktion betreffen...

Natürlich, solange der Ursprung des CO 2in Verbrennungsprozessen auf Basis fossiler Brennstoffe liegt. In Deutschland gibt es etwa 7000 MW Biomasseanlagen, verteilt auf viele tausend Anlagen in der Größenordnung 100 bis 150 kW. Wie soll denn aus diesen vielen kleinen Biogasanlagen kostengünstig CO 2entfernt werden?

Sie sind doch in einem solchen Pilotprojekt engagiert!

Audi will das in Werlte mal testen und wir haben dafür eine funktionsfähige Biogasanlage zur Verfügung gestellt. Biogas besteht im Wesentlichen aus CO 2und Methan. Wir separieren das Methan und speisen es in das Erdgasnetz ein. Das ist aber nicht Power-to-Gas, das ist einfach nur Gas-to-Gas. Power-to-Gas ist die Herstellung von Wasserstoff mittels Elektrolyse mit anschließender Methanisierung mit CO 2aus Biomasse.

Was ist die Alternative für die Speicherung elektrischer Energie?

Eine Alternative sind sicherlich Kühlhäuser oder im Sommer Klimaanlagen. Eine ernstzunehmende Möglichkeit ist auch elektrische Energie als Wärme zu speichern. Da bieten sich elektrische Wärmepumpen an, die Wärme nicht mehr nur in einem 300-l-Wasserbehälter speichern, sondern in einem 1000-l-Behälter zum Beispiel mit Salzsole. Das erhöht die Wärmedichte um das Vielfache.

Also den Strom lieber sofort verbrauchen statt speichern!

Nein, das ist damit nicht gemeint. Wir brauchen Stromspeicher in Form von Wärme- und Kältespeichern, die Bestandteil des Verteilnetzes sind. Denn dort werden 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren eingespeist. Auf der 380-kV-Ebene speisen nur große Windparks ein.

Dennoch brauchen wir auch Regelenergiekraftwerke. Wer soll in Gaskraftwerke investieren?

Trotz aller Bemühungen die volatile Einspeisung von erneuerbaren Energien durch intelligente Netze und Stromspeicher zu kompensieren, werden wir bis auf Weiteres noch schnell regelbare Kraftwerke benötigen. Weil in Deutschland Pumpspeicherkraftwerke praktisch nicht mehr gebaut werden können, liegt hier der Schluss zu Gaskraftwerken nahe. Das ist auch technisch sinnvoll. Das Problem ist allerdings, dass die derzeitigen Marktbedingungen den Bau und Betrieb von Gaskraftwerken unwirtschaftlich machen. Denn Gas ist unter diesen Voraussetzungen als Brennstoff zu teuer. Hier brauchen wir veränderte Bedingungen. Das ist nur auf dem politischen Weg möglich.

Würde Fracking uns helfen, billigeres Gas zu bekommen?

Dieses Thema zeigt wie komplex die Energiewende ist. Wir sind in Deutschland mit der Energiewende Teil eines internationalen Marktes. Auf dem Weltmarkt gibt es ausreichend Gas, das wir in Gaskraftwerken einsetzen könnten. Die Preise, die sich dort bilden, orientieren sich aber nicht an der Herausforderungen Energiewende, die wir uns als Land gegeben haben. Ich denke, dass auch ein breiterer Einsatz von Fracking uns daher nicht helfen würde. Wir müssen uns Gedanken über das Strommarktdesgin machen. International wird gerade sehr genau beobachtet, ob und wie es uns gelingt den Umbau des Energieversorgungssystems zu bewältigen. Darin sollten wir eine Chance und einen Anreiz sehen.

Also bleibt uns nur der Ausweg über Kapazitätsmärkte?

Das wäre sicherlich eine Möglichkeit.

Kapazitätsmarkt heißt nichts anderes, als dass man sich von einem sogenannten Energy-only-Markt löst. Das würde bedeuten, dass man sich wieder von der Börse löst, die eingeführt wurde, um mehr Transparenz zu schaffen. Dies hat aber auch den negativen Effekt des Merit-Order-Prinzips mit sich gebracht. Die letzte Kilowatt-Stunde, die gebraucht wird, bestimmt also den Preis für alles. Dieses rein marktwirtschaftliche Prinzip passt nur bedingt zu den Anforderungen, die sich aus der Energiewende ableiten.

Wird die Börse für eine Megawattstunde dann zu einer Börse für das Megawatt, also die Leistung umfunktioniert?

Nein, ich denke, dass der Preis sich nicht alleine über die Leistung bilden wird. Eine Lösung könnte sich an dem Modell des alten Leistungspreis-Arbeitspreis-Prinzip orientieren. Ich greife noch mal das Beispiel der Gaskraftwerke auf: Derjenige, der ein Gaskraftwerk betreibt, muss einen Anreiz haben, diese Leistung vorzuhalten. Die Fixkosten müssen durch einen Leistungspreis abgedeckt sein und je nach Brennstoffkosten muss sich dann noch der Arbeitspreis berechnen.

Wie bitte? Nach so vielen Jahren Liberalisierung und erneuerbaren Energien haben wir im Grunde wieder das alte Modell?

Verkürzt könnte man das so sehen, aber es gibt für mich einen ganz wesentlichen Unterschied: die Transparenz. Künftig könnten zumindest alle nachvollziehen, wie sich die Preise bilden. Dies ist ganz entscheidend für die Akzeptanz der Veränderung. Wir hätten also prinzipiell den gleichen Preisbildungsmechanismus wie früher in Monopolstrukturen. Dieser würde auch den Anforderungen der Energiewende gerecht, aber er hat nicht den schlechten Beigeschmack intransparent zu verlaufen. Ich hielte das für eine gelungene Kombination von Vorteilen aus zwei Welten.

Wie soll der Leistungspreis in einem Kapazitätsmarkt gebildet werden?

Es nützt überhaupt nichts, in Hamburg ein Gaskraftwerk zu bauen, wenn in München der Strom aus Regelkraftwerken gebraucht wird. Also muss eine übergeordnete Instanz wie die zum Beispiel die Bundesnetzagentur dafür Sorge tragen, einen Kapazitätsmarkt entlang der Übertragungsnetzinfrastruktur zu entwerfen. Der muss sich an den Lastflüssen orientieren und Kapazitäten an bestimmten Punkten innerhalb gewisser Radien ausschreiben. Das wäre dann ein Kapazitätsmarkt über ein Ausschreibungsprinzip.

Wir haben jetzt wirtschaftliche Themen ausführlich diskutiert. Sie sind von der Ausbildung her eigentlich eher technisch orientiert. Können Sie heute technische Innovationen noch in dem Umfang vorantreiben, wie Sie sich das wünschen?

Technische Innovation braucht Zeit. Ich weiß, wie lange es dauert, eine gute Idee aus dem Labor in den Markt zu bringen. Für mich als Techniker ist dabei entscheidend, dass wir Neuerungen nicht zu früh feiern und einzelne Lösungen nicht überbewerten. Ein öffentlicher Hype hilft da nicht, sondern behindert den Prozess im Zweifel sogar. Nehmen Sie das Beispiel Brennstoffzellen: Da gab es im Jahr 2000 einen ziemlichen Hype. Uns war damals klar, dass wir noch bis zu 20 Jahre brauchen, um die Technik zur Marktreife zu führen. Bei Elektroautos oder ähnlichen Technologien ist das vergleichbar.

Waren Sie schon immer so pragmatisch?

Vor 25 Jahren oder 40 Jahren als idealistischer Student hätten Sie von mir möglicherweise eine andere Antwort bekommen. Aber mit 40 Jahren Berufserfahrung sage ich heute: Ziele setzen, daran festhalten und Schritt für Schritt vorangehen.

Sie sind pessimistischer geworden?

Ich bin sicherlich realistischer geworden. Eine gute Portion Optimismus und Leidenschaft behalte ich mir als Antrieb aber bei.

Das Gespräch führte Dr. Karlhorst Klotz, Energy 2.0.

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