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Zusammenwirken: Im Intraday-Handel bestehen komplexe Abhängigkeiten. Software-Tools können die Orientierung erleichtern.
Automatisierungs- & Elektrotechnik

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Handels-Chancen mit System nutzen

Text: Jörg Lehnert, Procom Foto, Grafik: Pixhook/iStockphoto, Markedskraft
Energieversorgern bietet der Intraday-Markt Chancen auf zusätzliche Erlöse und reduzierte Ausgleichsenergiekosten. Um an diesem dynamischen Markt erfolgreich teilzunehmen, sind unter Zeitdruck die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Die Bedeutung des Intraday-Handels wächst stetig. Anfang April 2013 meldete die Strombörse Epex Spot, dass der deutsche Intraday-Markt bei den 15-Minuten-Kontrakten ein neues Allzeithoch erreicht hat [1].

Durch den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und die damit verbundenen Unsicherheiten in der Direktvermarktung besteht ein großer Bedarf, Prognoseabweichungen kurzfristig auszugleichen. Darüber hinaus erhöhte die Bundesnetzagentur durch ihren Beschluss zum regelzonenübergreifenden einheitlichen Bilanzausgleichsenergiepreis (Rebap) den Druck auf die Bilanzkreisverantwortlichen [2]. Seit 1. Dezember 2012 ist der Rebap durch den Intraday-Spotmarktpreis begrenzt. Kommt es zu einer Situation, in der im deutschen Netzregelverbund über 80 Prozent der kontrahierten Regelleistung in eine Richtung abrufen wird, stellen die Übertragungsnetzbetreiber Zu- oder Abschläge auf den Rebap in Höhe von 50 Prozent, mindestens aber 100 Euro/MWh in Rechnung.

De facto verlagern sich damit Ausgleichsaktivitäten vom Regelenergie- in den Intraday-Markt. Energieversorgungsunternehmen sind daher gezwungen, den eigenen Bilanzkreis ständig im Blick zu halten - auch an Wochenenden und Feiertagen. Betrachtet man auf der anderen Seite die derzeit schwierige Ertragssituation in den „klassischen“ Strommärkten, stellt sich der Intraday-Markt als neues Betätigungsfeld mit Gewinnmöglichkeiten dar.

Organisatorische Einbindung

Der kontinuierliche Intraday-Handel stellt neue Herausforderungen an die Organisation. Die Personalkosten für einen 24/7-Handel sind beachtlich und müssen erst einmal erwirtschaftet werden. Wenn Händler nicht durchgängig anwesend, aber thermische Kraftwerke vorhanden sind, fällt der Blick schnell auf die Dispatcher in der Leitwarte. Diese steuern die Kraftwerke im Schichtbetrieb und sind rund um die Uhr vor Ort. Allein die ständige Verfügbarkeit befähigt das Wartenpersonal aber nicht zum Börsenhändler. Dafür ist die Arbeitsweise der beiden Berufsgruppen zu unterschiedlich.

Ein Blick auf die Volatilität der Preise zwischen einzelnen Viertelstunden macht deutlich, dass nicht auf das Know-how eines Händlers verzichtet werden kann. Zum Beispiel ist es von entscheidender Bedeutung, das Gebot zum richtigen Zeitpunkt einzustellen. Weitere Aspekte sind die Börsengebühren, die Teilnehmer an die Epex Spot zu entrichten haben, sowie die technischen und rechtlichen Voraussetzungen zum Börsenhandel.Unter Umständen kommt daher die Zusammenarbeit mit einem Dienstleister in Betracht, der das Portfolio bewirtschaftet und die Schnittstelle zur Börse bildet. Welcher Ansatz letztlich optimal ist, hängt von der Größe des Unternehmens und den vorhandenen Organisationsstrukturen ab. Unabhängig von der jeweiligen Einbindung des 24/7-Handels in die Organisation lässt sich zusammenfassen, dass Erzeugung und Handel näher zusammenrücken müssen. Auch das Risikomanagement muss sich neu aufstellen, da die gewohnten Kontrollmechanismen nicht mehr greifen.

Beobachtung des eigenen Portfolios

Der Dispatcher muss die eigenen Kraftwerke beobachten und bei Bedarf steuernd eingreifen. Als Grundlage hierfür dienen die Vorgaben aus der Day-ahead-Planung, die nach Fahrplananmeldung beim Übertragungsnetzbetreiber den Übergang der Zuständigkeit an das Dispatching markieren. Bei einem Kraftwerksausfall oder einer Teilverfügbarkeit muss der Dispatcher sofort reagieren und die Position möglichst ohne größere Abweichung im Bilanzkreis (Imbalance) decken. Neben dem Ausfallrisiko ergeben sich weitere Unsicherheiten aus der Tatsache, dass die Day-ahead-Planung auf der Basis von Prognosen erfolgt. Hierzu zählen auf der einen Seite die Erzeugungsprognosen der erneuerbaren Energien und auf der anderen Seite die Lastprognosen der Verbraucher.

In einem Kraft-Wärme-gekoppelten Portfolio kommt der Fernwärmeprognose eine besondere Bedeutung zu. Eine Änderung im Verbrauchsverhalten kann die Kapazität zur Stromproduktion derart ändern, dass die kontrahierte Stromposition nicht mehr gedeckt werden kann. Die Berücksichtigung aktueller Prognosen in der Intraday-Planung ist also von hoher Bedeutung. Um die Ausgeglichenheit des Portfolios zu beurteilen und zu gewährleisten, ist das ständige Monitoring von Messwerten und Prognosen gegenüber den nominierten Fahrplänen und Geschäften erforderlich.

Beobachtung des Markts

Auf jedem Trading Floor helfen Informationsportale, das Marktgeschehen einzuschätzen. Sie liefern dazu aufbereitete Marktdaten. Betreiber müssen selbst entscheiden, ob sie die kostenpflichtigen Dienstleistungen eines Analyseunternehmens auch auf einer Leitwarte mit Handelsfunktion in vollem Umfang nutzen wollen. Das Internet hält verschiedene freie Quellen mit Basisinformationen zum Intraday-Markt bereit, etwa die EEX-Transparenzplattform oder regelleistung.net. Dort stehen unter anderem Informationen zur geplanten und tatsächlichen Produktion (konventionell sowie aus Wind- und Solaranlagen), zu Nichtverfügbarkeiten und zum Regelenergieabruf bereit.

Die Epex Spot veröffentlicht auf ihrer Website aktuelle Preis- und Mengeninformationen zu abgeschlossenen Geschäften. Handelbare Kontrakte sind allerdings ausschließlich im Orderbuch der Epex Spot sichtbar, wo die aktuellen Bid/Ask-Mengen und -Preise gelistet sind. Der direkte Zugang zum Orderbuch ist Börsenteilnehmern vorbehalten.

Optimierung des Portfolios

Früher beschränkte sich die Rolle des Dispatchers auf die Steuerung des Kraftwerksparks und die Reaktion auf ungeplante Ereignisse wie den Ausfall einer Erzeugungsanlage. Heute gilt es, die Chancen auf dem Intraday-Markt auszuschöpfen. Kann ein Kraftwerksausfall nicht durch andere Erzeugungseinheiten kompensiert werden, lässt sich die fehlende Menge unter Umständen auf dem Intraday-Markt beschaffen. So kann man auf teure Reservestromverträge verzichten.

Zudem stellt sich permanent die Frage, ob sich freie Kapazitäten vermarkten lassen oder ob eine Make-or-Buy-Entscheidung Kosten sparen kann. Im Takt der Gate Closure müssen in kurzer Zeit Entscheidungen getroffen werden, die alle Komponenten des Portfolios und die vorhandenen Handelsoptionen berücksichtigen. Dies ist ohne IT-Unterstützung nicht möglich.

Intraday-Handel

Aufgrund des kontinuierlichen Handels müssen Kraftwerksbetreiber ihr Portfolio permanent optimieren. Ein Optimierungssystem sollte parallel zum rollierenden Markt kostenoptimale Fahrpläne und Handelsvorschläge generieren, die auf aktuellen Messwerten, Verfügbarkeiten sowie Last- und Marktinformationen basieren. Eine klare Anzeige von Optionen unterstützt den Intraday-Händler bei der Gebotsgenerierung. Dies ist durch die Berechnung verschiedener Preisszenarien und dem Ausweis von Grenzkosten möglich.

Mit jedem Geschäft ändert sich die Position, gegen die das Portfolio zu optimieren ist. Die Buchung der Geschäfte im Handelssystem (Deal Capture) muss entsprechend organisiert werden, da die finale Eingabe der Deals im Handelssystem mit Verspätung erfolgt. Die Grafik oben zeigt den Handelsverlauf der Stunde 14 des 5. Mai 2013 vom ersten Gebot bis zur Gate Closure. An diesem Beispiel wird folgendes deutlich:

– Der Unterschied zwischen Day-ahead- und Intraday-Preis kann in einzelnen Stunden extrem sein.

– Der Preis kann Intraday für dieselbe Stunde von Kontrakt zu Kontrakt erheblich schwanken.

– Mit vorrückender Gate Closure wächst die Handelsaktivität.

Wenn Rescheduling zum Normalfall wird

Mit dem Intraday-Handel wird Rescheduling zum Normalfall. Da die Handelsprozesse volle Konzentration erfordern, sollten alle nachfolgenden Informationsflüsse innerhalb der Organisation automatisiert erfolgen. Dies betrifft die Schnittstellen zum Stromhandel oder Scheduling, aber auch zum Brennstoffhandel. Hier müssen veränderte Fahrpläne, Intraday-Geschäfte und angepasste Prognosen zum Brennstoffverbrauch verarbeitet und nominiert werden. Zudem sind externe Schnittstellen wie die EEX-Transparenzplattform oder die Übertragungsnetzbetreiber zu bedienen - zum Beispiel zur Meldung von Nichtverfügbarkeiten oder geänderten Erzeugungskapazitäten.

Hoher Automatisierungsgrad empfohlen

Generell empfiehlt sich ein hoher Automatisierungsgrad. Bei der Minutenreserve kann dies beispielsweise durch die Verbindung mit dem Merit-Order-List-Server (MOLS) erreicht werden. Im Hinblick auf die Weiterverarbeitung der Messwerte und die Vorgabe neuer Erzeugungsfahrpläne sollten das Optimierungssystem und das Leitsystem eng gekoppelt werden.

Der Intraday-Markt bringt Chancen, aber auch Risiken. Schnelle Entscheidungszyklen in einem komplexen Umfeld erhöhen die Anforderungen an Personal und Organisation. Händler und Dispatcher müssen das gesamte Portfolio, den Markt sowie ihre Optionen im Blick haben. Für eine erfolgreiche Aufstellung im Intraday-Markt bedarf es einer IT-Lösung, die den gesamten Intraday-Prozess einschließlich Kraftwerkseinsatzoptimierung, Handelsunterstützung und Datenhandling unterstützt. Procom unterstützt Unternehmen bei der Einführung des Intraday-Handels.

Weitere Informationen

[1] Power Trading Results in March 2013 - Intraday Markets set new Records, Presseinformation der Epex Spot SE, Paris, 04.04.2013

[2] Beschluss der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen zur Weiterentwicklung des Ausgleichsenergiepreis-Abrechnungssystems, Az: BK6-12-024, 25.10.2012

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