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Energieverteilung & -speicherung

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Träumt Susi Sorglos vom Smart Home?

Text: Harald Fette für Energy 2.0
Wollen die Menschen wirklich, dass smarte Technik ihr Haus automatisiert und von überall Fernzugriff bietet? Seit Jahren entkommt die Smart-Home-­Branche ihrem Nischendasein nicht. Wann gelingt der Durchbruch? Katalysator dafür könnte jedenfalls All-IP werden.

So ganz übersichtlich ist die Lage nicht, wenn es um das Thema Smart Home geht. Das liegt auch daran, dass jeder etwas anderes darunter versteht. Die einen nutzen die Technik, um ihr Haus gegen Einbrecher zu schützen. Anderen geht es ums Energiesparen oder die Einspeisung von Solarstrom aus der eigenen Photovoltaikanlage. Es kann ein beruhigendes Gefühl sein, am ersten Urlaubstag auf dem Smartphone nachzuschauen, ob der Herd auch tatsächlich ausgeschaltet ist und die Fenster geschlossen sind. Ältere Menschen schätzen die Möglichkeit, in Notfällen leicht Hilfe rufen zu können. Technik­begeisterte wollen ihr Wohnzimmer multimedial vernetzen.

Verschiedene Anwendungen mit unterschiedlichen Geräten und Installationen bringen eigene Steuerungssoftware und technische Übertragungsprotokolle mit sich. Darunter leidet die Branche bekanntlich seit Jahren. Beobachter des Marktes sprechen von einem Wildwuchs in puncto verschiedener Standards. Die Hersteller entwickeln Systeme, die sich nach ein paar Jahren nicht mehr mit Produkten anderer Hersteller kombinieren lassen.

Das verunsichert nicht nur Kunden sondern auch Handwerker. Die hüten sich davor, Produkte zu verbauen, mit denen sie nur wenig oder keine Erfahrungen gesammelt haben. Hinzu kommen bislang hohe Kosten. Je nach Vollständigkeit kann ein Bauherr in einem Einfamilienhaus mit 200 m2 und zweieinhalb Stockwerken bis zu 100.000 Euro verbauen. Vor den Kosten schrecken viele zurück. Wohingegen die Investition in Industriebauten recht häufig vorgenommen wird. Hier rechnen die Entscheidungsträger langfristig mit hohen Einsparungen.

Zweckoptimismus oder neuer Aufbruch?

Warum verbreitet sich nun auf Fachkonferenzen so beharrlich die Einschätzung, Smart Home sei ein immenser Wachstumsmarkt? Ein Indikator dafür ist das Preisniveau. Waren es vor einiger Zeit noch Villen, in die intelligente Systeme eingebaut wurden, so sind vermehrt Eigenheime und Doppelhaushälften Tummelplatz für Smart-Home-Technik. Und eine Einzelkom­ponente wie etwa die KNX-Jalousiesteuerung kostet genauso viel wie die Zeitschaltuhr im Fenster.

Der Begriff Smart Home rückt nicht zuletzt durch Kam­pagnen wie die der Telekom ins öffentliche Bewusstsein: In einem Starterpaket für etwa 300 Euro bekommt der Kunde vier Qivicon-Geräte nach Wahl: Das können Heizkörper-Thermo­state oder smarte Steckdosen sein, die über eine App zu steuern sind. So soll nach Vorstellungen der Telekom für unter 1000 Euro das eigene Smart Home für Einsteiger zu realisieren sein. Qivicon ist einer der Standards auf dem Markt, um unterschiedliche Geräte und Installationen im Haushalt über PC, Tablet oder Smartphone zu bedienen.

Neben der Telekom haben sich Energieversorger, Hersteller von Haushaltsgeräten wie Miele oder von Unterhaltungselektronik wie Philips und Samsung sowie Technik-Anbieter zusammengetan – mit dem Ziel, lauffähige Systeme an den Kunden zu bringen.

Standards gibt es allerdings viele. In der verkabelten Gebäudetechnik haben sich KNX, LCN, X10 oder Echonet etabliert. DigitalStrom wäre eine Plattform, um Sensoren und Geräte über die Stromleitung anzusprechen. Für die Unterhaltungselektronik gelten wieder andere Systeme. Kommuni­kationssysteme wie ISDN, GSM, GPRS, UMTS, Bluetooth, ZigBee haben ebenso ihren Platz. Wobei der Trend im Haus stark in Richtung Funksysteme geht: Z-Wave, IO-Homecon­trol, DECT ULE, HomeMatic oder EnOcean, eine batterielose Sensorik, die gut für die Nachrüstung geeignet ist. Es ließen sich noch mehr solcher Abkürzungen aufzählen. Die vielen Standards sorgen bei Kunden für Verwirrung. Selbst die Fachwelt hat so ihre liebe Mühe.

Armin Anders, Vice President Business Development von EnOcean, erinnert daran: „Es gab die Diskussion, was im verkabelten Bereich der richtige Standard ist – KNX, LCN, BACnet. Heute gibt es alle, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Für unterschiedliche Gewerke gibt es unterschiedliche Schraubenschlüssel, damit wird man leben müssen.“

„Verschiedene Systeme und Standards sind historisch gewachsen oder haben aus Anwendergründen ihren Platz, sie leben nebeneinander“, meint auch Udo Neumann, Direktor Prosumer Programm bei Schneider Electric und folgert: „Das haben wir zu berücksichtigen – wir müssen also eine Software-Ebene schaffen, die alles verbindet. Der EEBus ist das verbindende Element.“ Wobei für dieses verbindende Element das IP-Netz gewählt wurde. Neumann ist deshalb davon überzeugt: „All-IP wird der Standard der Zukunft.“

Soweit ist es aber noch nicht. „Wir sollten nicht auf All-IP warten und so lange das Nischendasein akzeptieren“, sagt Dr. Wolfgang Klebsch, Projektleiter Smart Home im VDE. Er plädiert für einen „evolutionären Zwischenschritt“ und fordert, die verschiedenen Systeme mit unterschiedlichen Feldbussen und Protokollstandards über eine Plattform miteinander zu verknüpfen. „Wir benötigen eine Austauschplattform, die die Metaebene darstellt – das EEBus-Konzept“, meint Klebsch.

All-IP und das Internet of Things als Treiber

Auch Armin Anders von EnOcean sieht durch das Internet einen Silberstreif am Horizont. Sind Sensoren und Geräte einmal internetfähig und ist ihnen eine IP-Adresse zugewiesen, dann sind sie auch leicht zu steuern. All-IP oder „Internet of things“ (Internet der Dinge) lauten die visionären Konzepte, die auch den Markt um Smart Home voranbringen. Die Vision „Internet of things“ ist nicht neu, geht sie doch auf das Postulat von Mark Weiser vom Forschungszentrum Xerox Parc in Palo Alto aus dem Jahre 1991 zurück. Seine Vorhersage, dass der PC einmal an Stellenwert verlieren wird und die Menschen mehre­re Kleincomputer mit sich herumtragen wie Pad, Smartphone oder Wearables, nimmt heute bereits Gestalt an.

Das Interesse für „Internet of things“ ist geweckt und betrifft keineswegs nur junge und technikaffine Anwender. Menschen, die sich nicht für Technik interessieren, nutzen ein Smartphone mit großer Selbstverständlichkeit. Damit lassen sich immer mehr Geräte steuern, auf die Fernbedienung können Nutzer im Gegenzug immer öfter verzichten. Die Zeit der Apps ist auch in der Gebäudeautomatisierung angekommen.

Die Begeisterung für All-IP sieht Martin Röll vom Trainings­zentrum für Hausautomatisierung und Bustechnik NRW in Dinslaken hingegen skeptisch. Er meint: „Viele wissen nicht, was es im Bereich der Hausautomatisierung gibt.“ Röll sieht auch mit All-IP einen immensen Beratungsbedarf – sowohl für den Endkunden als auch für die ausführenden Handwerker, Architekten und Bauträger. Zum Jahreswechsel wird Röll in Dinslaken das Trainingszentrum für Hausautomatisierung und Bustechnik eröffnen und liegt damit im Trend – immer mehr Fachleute in der Branche erkennen den hohen Informationsbedarf, verdingen sich als Berater in technischen Dingen für Handwerk und Planer.

Wenn de Wohnung „weiß“, wie man lebt

Ein Smart Home sei dann erschaffen, wenn „die Wohnung weiß, wie ich lebe“, sagt Röll. Eine Steigerung der Lebensqualität ist für ihn dann erreicht, wenn der Mensch sich in seiner Wohnung nicht mehr um Technik kümmern muss. Bis dahin wächst der Aufklärungs- und Schulungsbedarf. Dem Endkunden soll die Anlaufstelle helfen, aus den vielfältigen aktuellen Möglichkeiten zu schöpfen und die individuelle Ausprägung eines Smart Home von Architekten, Handwerkern und Bauträgern maßgeschneidert installiert zu bekommen. Ein neuer Beruf entsteht: Smart-Home-Systemintegrator.

Nicht nur wegen unterschiedlicher Standards erscheint das Thema Smart Home komplex. Mit Photovoltaikanlagen auf dem Dach und Blockheizkraftwerken im Keller sind Hausbesitzer längst nicht mehr nur Konsument (Consumer) von Energie, sie treten selber als Produzenten von Strom und Wärme auf – daher die neue Wortschöpfung des Prosumers.

Klebsch beschreibt den Paradigmenwechsel: „Die Energiewende verändert die Stromnetze. Plötzlich soll sich die Nachfrage nach dem Angebot richten, Strom soll verbraucht oder gespeichert werden, wenn er produziert wird. Diese Steuerung fordert intelligente Netze, und mit intelligenten Netzen entsteht der Druck, Intelligenz auch ins Haus zu nehmen.“

40 Prozent der Energie in Deutschland wird nach Angaben der Bundesregierung in Gebäuden verbraucht, Privathaushalte und Gewerbegebäude zusammengerechnet. Die Gebäudeautomatisierung kann hier zu mächtigen Einsparungen verhelfen. Schon jetzt sind 50 Prozent der Fertighäuser von WeberHaus mit Smart-Home-Technik ausgestattet. Allerdings: Neubauten machen im Jahr drei Prozent des Bestands in Deutschland aus. Der Durchbruch für Smart Home kann nur mit der Nachrüstung bestehender Immobilien gelingen.

Die treibende Kraft in der Etablierung des Smart Home wird nach Meinung von Udo Neumann die Energieversorgung sein. Analysen im Heimbereich haben ergeben, dass 40 bis 50 Prozent der elektrischen Energie für Heizen, Kochen, Waschen und Kühlen benötigt wird. Die sogenannte weiße Ware ist dabei der große Energieverbraucher. Der Prosumer-Experte von Schneider Electric ist überzeugt: „Wenn die Haushaltsgeräte in die Visualisierung eingebunden werden und der Kunde sieht: jetzt habe ich günstige Tarife, dann schaltet er die Waschmaschine per Smartphone an.“ Die IFA wertet er als Indikator dafür, wann die Haushaltsgeräte diesen Trend einschlagen und resümiert: „Aus energetischer Sicht gibt es einen Zwang, smarter zu werden. Ich glaube, es gibt für Smart Home nochmal einen Schub durch die Energiepreise.“

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