Melden Sie sich kostenfrei an, um Artikel vollständig zu lesen...
News und Promotion-Beiträge sind ohne Registrierung kostenfrei zu lesen
Login

Passwort vergessen?
Registrieren
   

Passwort ist zu kurz (mind. 8 Zeichen).

0 Bewertungen

Energieland im Aufbruch

Text: Carmen Klingler-Deiseroth für Energy 2.0 Foto/Grafiken: Eon Westfalen Weser, Tetraeder Solar
Nordrhein-Westfalen gibt den Erneuerbaren eine Chance, vor allem dem Wind. Härteren Zeiten sehen jedoch Solar- und Bioenergie entgegen, und der Umbau der Netze steht noch ganz am Anfang. Dennoch herrscht Optimismus im einstigen Land von Kohle und Stahl.

Das Potenzial für erneuerbare Energien in Nordrhein-Westfalen (NRW) ist hoch, das haben viele bisherige Studien ergeben. Verbindlich festgeschriebene Klimaschutzziele sollen die Energiewende einleiten. NRW ist das erste Bundesland, das ein Klimaschutzgesetz in den Landtag eingebracht hat. Im Rahmen eines Start-Programms sollen einzelne Bausteine umgesetzt werden und die erste Maßnahme zeigt schon ihre Wirkung.

Im Land mit den meisten fossilen Energieträgern herrscht Aufbruchstimmung in ein neues Energiezeitalter. Das Interesse aller Akteure ist immens - darunter auch das der Bürger, die sich zusammenschließen und mit Kommunen und Stadtwerken Energie-Genossenschaften gründen.

Neue Changen für Windenergie

Während sich in den letzten Jahren in NRW eine global agierende Windindustrie entwickelte - zum Beispiel liefern Bosch Rexroth, Renk und Winergy Getriebe für Windkraftanlagen rund um den Globus - dümpelte der Ausbau der Windmühlen im eigenen Bundesland dahin. Ganz im Gegensatz zur Bioenergie und zur Solarenergie, deren Zubau gerade in den beiden vergangenen Jahren expandierte. Das wird sich nun umdrehen; jetzt ist die Windenergie am Zug. Im Juli 2011 hat die Landesregierung als ersten Baustein des Klimaschutzgesetzes einen neuen Windenergieerlass in Kraft gesetzt. Mit gelockerten Rahmenbedingungen und festgesteckten Zielen stellt sie damit die Weichen in Richtung Ausbau der Windenergie. Von derzeit 4 auf 15 Prozent bis zum Jahr 2020 soll sich deren Anteil am nordrhein-westfälischen Energiemix erhöhen. Einen Schwerpunkt bildet dabei das Repowering. Denn viele der Anlagen stammen noch aus der Pionierzeit der Windenergie. So stehen auf dem Paderborner Hochland noch viele Anlagen mit einer Leistung von 500 bis 600 kW.

Das ambitionierte Ausbauziel ist zu erreichen, wie die Windenergie-Potenzialstudie des Bundesverbands Windenergie (BWE) zeigt. Demnach besteht in NRW ein Potenzial von rund 41 TWh Windstrom pro Jahr - heute werden jährlich etwa 3,6 TWh produziert. Um im Zielkorridor einzulaufen, müssen laut BWE jährlich rund 500 MW installiert werden. Das sind etwa drei bis viermal so viel wie in den letzten Jahren, in denen der Zubau zwischen 90 und 160MW schwankte. Bis die Projekte anlaufen wird es allerdings noch dauern.

Dennoch, die Signalwirkung des Erlasses ist enorm wie Stephanus Lintker vom Netzwerk Windenergie NRW beobachtet: „Das mit dem Windenergieerlass geschaffene Marktpotenzial hat dazu geführt, dass sich Hersteller und Projektierer im Land wieder mit Büros zeigen.“ Repower plant zum Beispiel, den Vertrieb in Osnabrück auszubauen. Zudem soll der Servicestützpunkt in Aachen weiter entwickelt werden. Juwi ist zwar seit 2009 in NRW tätig, hat aber im letzten Jahr seine Kapazitäten erhöht und ein Büro in Essen eröffnet - und die Pläne gehen noch weiter, wie Paul Schweda, Regionalleiter NRW Wind bei Juwi sagt: „Wir planen in ein bis drei Jahren eine Niederlassung in NRW zu gründen.“

Ein großes Potenzial für Windkraftanlagen sieht Schweda in höher gelegenen Waldgebieten des Bundeslandes. Im Raum Aachen sind in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Stawag für dieses Jahr Windenergieanlagen mit einer Leistung von rund 60 MW geplant. Die Aufbruchsstimmung bekommen auch Windenergieanlagenhersteller aus der Region zu spüren wie etwa Kenersys aus Münster: „Wir merken, dass die Region rennt - Bürger, Landwirte, Gemeinden und Stadtwerke, alle wollen Windenergieprojekte umsetzen,“ sagt Jochen Weick, Leiter Kommunikation bei Kenersys und folgert: „Bis sich das in konkreten Projekten umsetzt und bei uns Herstellern ankommt, wird es aber noch mindestens ein Jahr dauern.“

Dass noch etwas Zeit ins Land gehen wird, bis sich die Projekte entwickeln, sieht auch Jörg Ohliger, Bereichsleiter Entwicklung Erzeugung und Wassergewinnung von Enervie. Er sagt: „Bis die ersten Projekte genehmigungsfähig sind, müssen die Kommunen ihre Bauleitplanung überarbeiten. Dafür rechnen wir mit einem Zeitbedarf von etwa zwei Jahren, in Einzelfällen vielleicht auch etwas weniger.“ Schon vor dem neuen Windenergieerlass setzte die Energie-Gruppe einen Schwerpunkt ihrer Energieerzeugerstruktur auf den Ausbau der Windenergie - bislang allerdings außerhalb von NRW. Doch das soll sich ändern: „Der neue Windenergieerlass beeinflusst uns insofern, als wir Aktivitäten zunehmend auch auf regionale Projekte lenken“, sagt Ohliger. Insgesamt will die Gruppe über ihre Tochtergesellschaft Mark-E bis zum Jahr 2020 in insgesamt 240 MW Windleistung innerhalb und außerhalb der Region investieren.

Bioenergie flaut ab

Im Gegensatz zur Windenergie hat es bei der Bioenergie in den vergangenen Jahren einen starken Zubau bei landwirtschaftlichen Biogasanlagen gegeben. Für Ende 2011 schätzt die Landwirtschaftskammer NRW, dass über 500 Biogasanlagen mit einer Leistung von rund 200 MW in Betrieb sind. Einem weiteren starken Ausbau hat das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG 2012) einen Dämpfer versetzt. Daher erwartet die Kammer für das kommende Jahr einen geringeren Zubau bei den landwirtschaftlichen Biogasanlagen.

Für Bioenergie engagieren sich außer Landwirten auch etablierte Energieversorger. So will RWE Innogy in Bergheim Paffendorf eine Biogasanlage mit 7,4 MW errichten, deren Rohstoffmanagement RWE Power übernehmen wird. Teile der Rohstoffe, die aus Mais- und Ganzpflanzensilage, Zuckerrüben und Luzerne sowie Gülle bestehen, sollen dabei aus rekultivierten Landstrichen des Tageabbaus kommen. Das auf Erdgasqualität aufbereitete Biogas soll ins Erdgasnetz gespeist und in KWK-Anlagen in der Region eingesetzt werden.

Das Ziel der Biomassestrategie „Bioenergie.2020.NRW“ des Bundeslandes ist bereits in greifbare Nähe gerückt. Bis 2020 sind 17,8 TWh Strom und Wärme pro Jahr aus fester und flüssiger Biomasse, Biogas, biogenen Abfällen, Klär- und Deponiegas angepeilt. 13,4 TWh Strom und Wärme wurden schon 2010 aus Biomasse erzeugt, wie eine Studie des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien IWR ergeben hat.

Wie viel Potenzial noch in der Bioenergie steckt, aber auch in allen anderen Erneuerbaren, will die Energieagentur NRW mit einer weiteren Studie ermitteln lassen.

Hohes Potenzial für Solar

Keiner mag sagen, wie es mit der Photovoltaik in diesem Jahr weitergeht. Sicher ist jedoch, dass NRW in den letzten beiden Jahren einen regelrechten Boom beim Zubau von Solarstrom erlebt hat. Laut Anmeldestatistik der Bundesnetzagentur liegt das Bundesland bei neu installierten Anlagen von Januar bis September 2011 hinter Bayern auf dem zweiten Platz (der bundesweit sehr starke Zubau im Dezember 2011 ist nicht berücksichtigt). 2010 hatte NRW den dritten Platz inne - trotz einer Eigenheimstruktur, die nicht mit der in Bayern zu vergleichen ist, denn die meisten der 18Millionen Einwohner wohnen in den Ballungszentren des Ruhrgebiets. Das Potenzial für Photovoltaik auf den Dächern von NRW ist enorm. Laut Solarpotenzialkataster von Tetraeder Solar liegt die gesamte PV-Leistung bei rund 38 GWp. Derzeit sind davon gerade mal 2,3 GWp (bis September 2011) installiert, davon ein großer Teil auf Freiflächen. Sehr ausgeprägt ist das Interesse der Bürger, sich an Solaranlagen zu beteiligen. So entstanden die meisten der bisher 65 Bürgerenergie-Genossenschaften für den Bau von Solaranlagen. Mit den neuen Bedingungen für Windenergie bekommt die Solarenergie allerdings Konkurrenz. Aufwind für Photovoltaik könnte künftig ein neuer treibender Faktor bringen. Dr. Stephan Wilforth, Geschäftsführer von Tetraeder Solar und Vorstandsvorsitzender der Bürgerenergie-Genossenschaft „Die Energiegesellschafter“ sagt: „In etwa neun bis 15 Monaten wird die Solarenergie durch den Eigenverbrauch vorangetrieben.“ Die Anlagengröße werde sich dann mehr nach der Verbrauchsstruktur richten.

Die Netze vorbereiten

Auf die Energiewende werden auch die Netze in NRW vorbereitet: zum einen auf einer wissenschaftlichen Basis und zum anderen in Pilotprojekten. So arbeitet zum Beispiel Eon Westfalen Weser seit 2010/11 an der automatisierten Fernsteuerung von Ortsnetz-Stationen im gesamten Niederspannungsnetz. Mit Informations- und Kommunikationstechnik - über Mobilfunk - und mit Messtechnik und Sensorik ausgestattet, sollen die Stationen Informationen liefern über den Lastfluss und dessen Abhängigkeit von Wind, Sonne, Verbraucherdaten und Stromspeichern (zum Beispiel E-Autos).

Zu den ersten Messergebnissen des Projekts sagt Reimar Süß, Leiter Service Technik Strom, Eon Westfalen Weser: „Die Transformatoren können temporär um etwa 20 Prozent höher belastet werden als veranschlagt. Das ist gerade in der Mittagszeit mit hoher Solareinspeisung gut zu wissen. In den Abend- und Nachtstunden müssen die Transformatoren allerdings wieder genug Zeit zum Abkühlen haben.“ Die Auslastung des Netzes könne mit diesem Wissen durch Verschieben der Last weiter optimiert werden. „Mit dieser Erkenntnis kann der Netzausbau in Grenzen verzögert oder sogar vermieden werden“, sagt Süß. Mit dem Bau eines neuen Umspannwerks auf der Paderborner Höhe bereitet sich der Netzbetreiber auf weiteres Repowering vor und auf neue Windkraftanlagen.

Die Netzgesellschaft Enervie Assetnetwork hingegen berechnet derzeit Modellnetzwerke, die ein optimiertes Gesamtnetz darstellen, so wie es heute neu gebaut werden würde. Weiterhin untersucht die Gesellschaft neue Netztechnologien wie Hochtemperatur-Leiterseile für Freileitungstechnik und regelbare Transformatoren.

Wende mit Effizienz

Der Ausbau der regenerativen Energieerzeuger ist ein Standbein der Energiewende in NRW - Energieeffizienz ist ein weiteres und ebenso bedeutend. Energiesparmaßnahmen im Wohnungsbau wie in Unternehmen werden seit langem mit vielen Programmen gefördert. Als weitere Maßnahme des Klimaschutz-Start-Programms hat die NRW Bank ein Förderprogramm für energie- und ressourcenschonende Investitionen in Unternehmen aufgelegt.

Firmen zu diesem Artikel

Nach oben