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Eine Stadt im Energiewandel

Text: Sabrina Quente, Energy 2.0 Fotos, Grafik: Michael Paul/paulbewegt, Vattenfall, Berliner Energieagentur
Schon wieder eine Wende in Berlin! Diesmal geht es um Energie. Um ein Zeichen für die Energiewende zu setzen, packen die Berliner schon mal selber an und wollen das Stromnetz kaufen. Aber auch bei Energieeffizienz oder Solarenergie zeigt sich die Hauptstadt engagiert.

Bei der Energiewende spielt Berlin eine ganz große Rolle, schließlich wurden die Ziele der Bundesregierung für 2020 hier auf den Weg gebracht. Ein langer und beschwerlicher Weg, wie sich herausstellt, und gerade für Berlin kein leichtes Unterfangen: Wegen ihrer kompakten Struktur sind die Möglichkeiten der Stadt begrenzt, erneuerbare Energien einzusetzen. Berlin steckt deswegen aber nicht den Kopf in den märkischen Sand, sondern läutet die Energiezukunft ein.

Hauptstadtwetter: Kaum Wind, dafür viel Sonne

Doch auf rund 890.000 km 2dicht besiedelter Fläche bleibt kaum Platz für große Windenergieanlagen, daher kann Berlin keine Vorranggebiete ausweisen. Während der große Bruder Brandenburg im Bundesländervergleich immerhin Platz zwei bei der installierten Leistung einnimmt, war Berlin bis 2008 sogar das einzige Bundesland ohne Windenergieanlage. Seither versorgt aber ein 180 Meter hohes Windrad mit einer Leistung von etwa zwei Megawatt jährlich rechnerisch mehr als 1000 Vierpersonenhaushalte mit Strom. Für die rund 3,5 Millionen Berliner reicht das natürlich nicht aus, also muss die saubere Energie aus anderen Quellen kommen, wenn die Stadt ihr Ziel erreichen will, den Anteil der Erneuerbaren von rund zwei Prozent im Jahr 2009 auf 14 Prozent bis 2020 zu erhöhen.

Potenzial besteht vor allem bei der Photovoltaik, denn auf den Dächern von Berlin ist dafür reichlich Platz. Sie könnte rund drei Millionen Megawattstunden Strom pro Jahr liefern. Damit die Anlagen auch dorthin kommen, wo sie am meisten Strom produzieren, hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen zusammen mit Berlin Partner, einer Gesellschaft für die Ansiedlung von Unternehmen in der Hauptstadt, den Solaratlas entwickelt. Er zeigt, dass ein Drittel der insgesamt 560.000 Dächer in Berlin mit PV- oder Solarthermieanlagen ausgestattet werden könnte. Auch bei der Produktion von Modulen bietet Berlin viel Potenzial, wie René Gurka, Geschäftsführer der Berlin Partner, erläutert: „Berlin ist Zentrum des größten deutschen Solarclusters. Aus der Hauptstadtregion kommt mehr als ein Drittel der deutschen Produktion an Solarmodulen.“

Einer der Solarproduzenten, die in der Hauptstadt zu Hause sind, ist Solon Energy. Dass auch die Unternehmen von Berlins Solarpotenzial überzeugt sind, bescheinigt der vorsitzende Geschäftsführer Stefan Säuberlich: „Naturgemäß finden wir einen Ausbau der Photovoltaik in Berlin sehr sinnvoll und auch gut machbar. Es stehen zahlreiche Dächer von Gewerbe- und Verwaltungsgebäuden sowie von Wohnhäusern zur Verfügung. Der Senat hat ja Anteile an Wohnungsbaugesellschaften. Hier und bei den Verwaltungsgebäuden ist er eindeutig in der Pflicht.“

Woran Berlin sparen will

Trotz der sonnigen Aussichten kann Berlin vergleichsweise wenig saubere Energie selbst erzeugen. Dennoch wollen die Berliner ihren Beitrag zur Energiewende leisten und setzen deshalb auf Sparsamkeit beim Energieverbrauch und die Reduzierung von Treibhausgasen. Nach der erfolgreichen Umsetzung des Berliner Energiekonzepts 2010, das eine CO 2-Reduzierung bis 2010 von 25 Prozent gegenüber 1990 vorsah, gilt es nun, den nächsten Schritt zu tun: 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen sollen es bereits bis 2020 sein. Das entspricht einer Reduzierung der CO 2-Emissionen von 21,9 auf 17,6 Millionen Tonnen pro Jahr. Doch damit nicht genug: Bis zum Jahr 2050 will Berlin sogar klimaneutral sein und Treibhausgase bei der Energieversorgung, im Verkehr sowie im Gebäudesektor gänzlich vermeiden.

Zum Energiesparen gehört aber erst einmal eine Investition, damit der Energieverbrauch überwacht und wirksam gesteuert werden kann. Weil in Berlin wie in vielen anderen Städten die Kassen leer sind, hat das Land dafür bereits 1996 gemeinsam mit der Berliner Energieagentur die Energiesparpartnerschaften ins Leben gerufen. Dabei investiert ein privater Energiedienstleister in Energiesparmaßnahmen für ausgewählte öffentliche Gebäude und übernimmt dafür die Planung, Umsetzung sowie die Betreuung. Von den Einsparungen durch den energieeffiziente Betrieb profitieren der öffentliche Auftraggeber und der Contractor gleichermaßen. Zwischen 1996 und 2008 betrugen die Einsparungen mit den rund 1300 beteiligten Gebäuden etwa 2,7 Millionen Euro pro Jahr. Auch die Umwelt profitiert, denn im gleichen Zeitraum konnte der CO 2-Ausstoß um etwa 60.000 Tonnen pro Jahr reduziert werden.

Während die CO 2-Vermeidung schon auf einem guten Weg ist, steht die nachhaltige Wärmeversorgung noch am Anfang. Immerhin knapp die Hälfte des Energieverbrauchs in Berlin entfällt auf die Beheizung von Gebäuden. Klaus Wein, Leiter Marktstrategie bei der Gasag, erläutert: „Der Wärmemarkt ist der entscheidende Bereich zur Umsetzung der energie- und klimaschutzpolitischen Ziele Berlins bis 2020. Die Ziele können nur erreicht werden, wenn es gelingt, durch Gebäudesanierung und Modernisierung der Heizungstechnik die Energieeffizienzpotenziale in diesem Bereich zu aktivieren.“ Effizienzgewinne erhofft die Stadt sich insbesondere durch den Einsatz von Blockheizkraftwerken, Biomasse sowie den Ausbau dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung und Solarthermie.

Auf Biomasse setzen in Berlin unter anderem RWE und Vattenfall: Im Stadtteil Neukölln versorgt ein 103-MW-Holzheizkraftwerk von RWE etwa 50.000 Menschen mit Wärme, und Vattenfall setzt seit 2008 in seinen Kraftwerken Reuter und Klingenberg auf Biomassemitverbrennung. So hat man dort auch ein schönes Mittel gegen eisige Temperaturen im Januar gefunden: Rund 400.000 Weihnachtsbäume sorgen für warme Stuben. Geplant ist weiterhin ein Biomassekraftwerk im Märkischen Viertel mit 18 MW thermischer Leistung sowie die Erweiterung des Klingenberg-Kraftwerks um zwei Biomassekraftwerke mit je 20 MW elektrischer Leistung.

Sehr viel mehr sieht man schon von der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). In Berlin liegt der KWK-Anteil am Wärmemarkt bei beinahe 30 Prozent. Nicht nur deshalb sieht die Stadt sich als Modellstadt: Sie verfügt mit ihrem 1500 Kilometer langen Fernwärmenetz über das größte in Europa. Aufgrund der guten Voraussetzungen für KWK ist es kaum verwunderlich, dass das Bundesumweltministerium in Berlin die Nutzung von Blockheizkraftwerken in Gebäuden besonders fördern will. Rund 400 Anlagen gibt es bereits, 2000 sollen es bis 2020 werden und das technische Potenzial liegt sogar bei 150.000 im gesamten Stadtgebiet. Der Generalbevollmächtigter von Vattenfall Rainer Knauber sagt: „Der Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung, die wir hier seit Jahrzehnten praktizieren, ist ein wichtiger Pfeiler der Energiewende der Bundesregierung.“

Trotzdem darf auch die Modernisierung der Gebäude selbst nicht außer acht gelassen werden: „Eine besondere Herausforderung stellt dabei die Struktur des Berliner Wohnungsbestandes mit seinem hohen Anteil an Mietwohnungen dar“, so Klaus Wein. Deshalb seien Rahmenbedingungen notwendig, die Investitionsanreize für Vermieter schaffen und die Mieter bei der Modernisierung finanziell nicht überfordern.

Wie die Berliner anpacken

Bis die Politik aber etwas tut, wollen die Berliner nicht untätig bleiben und nehmen die Energiewende kurzerhand selbst in die Hand. Ende 2014 läuft die Konzession mit dem Stromnetzbetreiber Vattenfall aus, deshalb planen einige Bürger, das Stromnetz zu kaufen. Organisiert wird die Aktion von der Genossenschaft Bürgerenergie Berlin eG i.G. (BEB). Es sei wichtig, das Geld aus dem Netzbetrieb in der Stadt zu halten, um es nachhaltig zu nutzen, etwa für die regionale Wertschöpfung. Cornelia Ziehm, Rechtsanwältin und Leiterin Klimaschutz und Energiewende der Deutschen Umwelthilfe und Mitglied des Aufsichtsrats der BEB, erläutert: „Berlin hat die Chance, Zeichen für die Energieversorgung der Zukunft zu setzen.“ Insbesondere wolle man mit dem Kauf die verstärkte Integration von erneuerbaren Energien und den Ausbau von Smart Grids voranbringen, denn das sei Sache der Netzbetreiber.

Viel wird schon für die Energiewende getan - siehe auch die Einschätzung des regionalen Netzbetreibers 50Hertz oben. Berlin soll aber noch mehr erreichen, weshalb sich die Wachstumsinitiative Berlin dafür einsetzt, dass die Hauptstadt als Smart City mit gutem Beispiel vorangeht. Dazu gehört die Vernetzung dezentraler Energieerzeuger, wie sie in einem virtuellen Kraftwerk von Vattenfall bereits demonstriert wird, das derzeit rund 100.000 Wohnungen versorgt, aber auch die Elektromobilität: Unternehmen wie BMW, Daimler, RWE und Vattenfall haben die Hauptstadt als Versuchslabor für E-Mobilität auserkoren. Inzwischen gibt es im Stadtgebiet rund 550Ladestationen, und im April wurde die Hauptstadt außerdem als eine von vier Schaufensterregionen für E-Mobilität ausgewählt und ist somit auf dem besten Weg in die Zukunft der vernetzten Energie.

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